Die deutsche Feinstaub-Bilanz sieht nur auf den ersten Blick gut aus

Alle deutschen Messstationen blieben im Jahr 2018 unter den EU-Grenzwerten.
Das war allerdings nur möglich, weil die Grenzwerte in der EU doppelt so viel Konzentration von Feinstaub erlauben, wie die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.

Tag für Tag liefern 391 offizielle Messstationen aus ganz Deutschland Daten über Feinstaub. Sie stehen in Großstädten wie in München am Stachus, in Stuttgart am Neckartor oder in Berlin an der Karl-Marx-Straße. Genauso sind sie auch in ländlichen Gebieten platziert, wie im Schwarzwald oder im Spreewald, oder vorstädtischem Gebiet in Burghausen oder Eisenhüttenstadt.

Diese Karte zeigt das offizielle deutsche Messnetz für Feinstaub:

Die Vorrichtungen messen verschiedene Stoffe in der Luft. Neben Feinstaub zum Beispiel auch Stickoxide oder Ozon. Das Umweltbundesamt ist dafür zuständig, all diese anfallenden Daten zu sammeln. Ende Januar hat das Amt die Daten für das Jahr 2018 für Feinstaub PM10 und Feinstaub PM2.5 zusammengefasst veröffentlicht.

bbf hat die Daten der 391 offiziellen Messtationen ausgewertet. Auf den ersten Blick war 2018 ein gutes Jahr für die Luftqualität in Deutschland. Keine einzige Station hat die geltenden EU-Grenzwerte im Jahresmittel überschritten: Überall blieben die Messwerte für den gröberen Feinstaub PM10 unter 40 µg/m³ und unter 25 µg/m³ für die kleineren Teilchen mit der Bezeichnung PM2.5.

Doch das bedeutet nicht, dass alles in Ordnung ist. Denn Feinstaub ist immer bedenklich für die Gesundheit, es gibt keine bekannte Wirkungsschwelle. Das hat erst im April die Nationale Akademie der Wissenschaften in ihrer Stellungnahme „Saubere Luft – Stickstoffoxide und Feinstaub in der Atemluft: Grundlagen und Empfehlungen“ betont: Es gibt keinen Wert, unter dem Feinstaub wirkungslos ist. Auch unterhalb der Grenzwerte müssen wir mit gesundheitlichen Effekten rechnen: „Jede Reduktion der Belastung ist mit einem Gesundheitsgewinn verbunden“, heißt es in der Stellungnahme.

Ohne die fehlende Grenze, die entweder schädlich oder unschädlich markiert, gibt es auch unterschiedliche Sichtweisen darauf, welche Grenzwerte gelten sollten. Die geltenden Grenzwerte seien ein Kompromiss zwischen medizinisch Anzustrebendem und gesellschaftlich Möglichem, heißt es im Papier der Nationalen Akademie der Wissenschaften.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt Werte, die deutlich unter den in Deutschland und der EU geltenden liegen. Die WHO hält Richtwerte für sinnvoll, die mindestens doppelt so niedrig sind wie die EU-Grenzwerte:

Legt man diese WHO-Richtwerte für den Durchschnitt eines Jahres zu Grunde, sieht die Feinstaub-Bilanz für 2018 in Deutschland deutlich schlechter aus. Bei den kleineren Teilchen des Feinstaubs PM2.5 liegen 96 Prozent aller Stationen über das ganze Jahr 2018 gesehen über dem WHO-Richtwert:

Die Nationale Akademie der Wissenschaften hat im April empfohlen, die Grenzwerte für Feinstaub niedriger anzusetzen. Sie sollten so niedrig sein, dass die gesundheitlichen Schäden „bis in den Bereich der Hintergrundbelastung“ treten. Das bedeutet konkret: so niedrig wie möglich.

Der Vollständigkeit halber: In der EU gibt es auch einen Grenzwert für den Tagesmittelwert von Feinstaub PM10. Er liegt bei 50 µg/m³ – auch die WHO empfiehlt diesen Wert für den Durchschnitt von 24 Stunden. In der EU dürfen diese 50 µg/m³ bis zu 35 Mal pro Jahr überschritten werden – keine Station in Deutschland hat diese Hürde gerissen.

Quellen:

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